Der Geist der Schreiberlinge

12 Feb 2010 von Harald Mühlbeyer

In einer von Deutschlands Regionalzeitungen traf eine der Kulturredakteurinnen schon zu Neujahr – es waren gerade mal eine Handvoll Berlinale-Filme bekanntgegeben worden – in einer Art Voraussicht auf das Filmjahr eine klare Einschätzung: Dass Kosslick von seiner Sucht nach Glamour (siehe Rolling Stones, siehe Madonna in den letzten Jahren) nicht lassen könne, dass er seine Filmauswahl nur nach Kriterien von Prominenz und Medienaufmerksamkeit aussuche und genau deshalb den nun wieder in die Schlagzeilen gekommenen Polanski mit seinem neuen Film eingeladen habe.  Was für ein Masterplan, der da in der Ludwigshafener Redaktion aufgedeckt wurde: Polanski verführt eine Minderjährige, um dann über 30 Jahre später überraschend verhaftet zu werden und damit wieder in die Klatschspalten zu geraten – weil er sich dadurch einen Platz im Berlinale-Wettbewerb sichert. Teuflisch, teuflisch, Mr. Polanski!

Und ein Meisterstück journalistischer kritischer Berichterstattung, faktenorientiert, urteilssicher und investigativ. Darauf freuen wir uns ohnehin wieder bei den Berliner Filmfestspielen, auf die Journalistenfragen und –einschätzungen. Ach, wie damals – ich komme hier in den Bereich „60 Jahre Berlinale – ein Rückblick“ –, wie war doch damals der Fatih Akin geplagt! Bei „Gegen die Wand“ frug ein Reporter der Süddeutschen Zeitung, warum Akin eigentlich immer Filme über Türken in Deutschland drehe (Antwort: Das sind Deutsche türkischer Abstammung… — wobei natürlich der vorherige „Solino“ tatsächlich nicht zum Kanon der Must Sees gehören muss); und letztes Jahr, beim Kompilationsfilm „Deutschland 09“, wurde Akin gefragt, warum in seinem Segment der von Denis Moschitto gespielte Murat Kurnaz eigentlich keinen Bart trage (Antwort, wieder, ohne dass Akin zornige Zeus-Blitze in die Journalistenmeute gefeuert hätte: Weil sich Kurnaz inzwischen rasiert habe, was ein guter Journalist eben auch wissen könnte). Mal sehen, was dieses Jahr so alles kommt, auch wenn Akin nicht dabei ist als Fragenopfer.

Zurück zum „Ghostwriter“: Der ist in der Tat gelungen, sein Geist lebt – auch wenn der Körper des Films mitunter ziemlich zu zucken beginnt. Da spielt Ewan McGregor den Ghostwriter, ohne Namen, der für den Tony-Blair-Verschnitt Adam Lang, passenderweise von James Bond Brosnan gespielt, die Memoiren verfassen soll. Das ist von vornherein spannend, weil alles seltsam ist, da bleibt schon zu Beginn ein Auto auf einer Fähre stehen, eine Leiche wird am Strand angespült… das ist der Vorgänger von McGregor, Selbstmord, Unfall oder gar Mord? Und wenn ja: warum? Da spielen eine Menge Polanski-Selbstzitate mit, die Katelbach-Insel, die Obsession zu einem Toten aus dem „Mieter“, was weiß ich – und zwischendurch machen sie – Polanski hat mit Vorlagenautor Robert Harris auch das Drehbuch verfasst – Mätzchen, die sie gar nicht dürfen. Wo man ihnen das Script um die Ohren hauen müsste. McGregor fängt was an mit der liebenden Gattin des Ex-Premierministers! Wo der grad versucht, seine Haut zu retten, weil er in Den Haag wegen Menschenrechtsverbrechen (Krieg gegen Terror bringt halt auch Folter mit sich) angeklagt ist! Und am Ende zaubern Polanski und Harris einen Attentäter aus dem Hut, das geht doch nicht! Geht doch. He gets away with murder: Das ist alles so gekonnt, so wirkungsvoll inszeniert, dass am Ende alles sogar sowas wie Sinn erhält.

Im Übrigen beweist der Film eben doch ein Händchen der Berlinalemacher für die Filmauswahl. Gedreht wurde der „Ghostwriter“ in und um Berlin, quasi Wirtschaftsförderung durch Festivalpräsenz. Bald kommt er offiziell in die Kinos – Händchenhalten mit dem Kinowelt-Verleih. Und so elegant wie hier hat sich noch niemals ein Festivalsponsor prominent in Szene setzen lassen, ein großartiges Kabinettstückchen an Product Placement liefert Polanski hier ab, zeigt einen BMW mit allerlei Luxusmätzchen – und baut das Super-Navi dramaturgisch höchst geschickt in die Handlung ein! Dafür höchstes Lob; und damit ist auch klar, dass nicht irgendwelche juristischen Verstrickungen und die damit einhergehende Bekanntheit diesen Film in den Wettbewerb gedrückt haben, sondern schlicht die richtige Wahl der Automarke.

Harald Mühlbeyer

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