Die Zukünfte der Vergangenheit

16 Feb 2010 von Stefan Höltgen

In den vergangenen Jahren ist die Geschichte des “Neuen Deutschen Films” überaus vorbildlich aufgearbeitet worden – zumindest, was die Quellen angeht. Insbesondere Kinowelt und Arthaus haben sich des Programms des “Filmverlags der Autoren” (gestern Abend lief darüber noch einmal “Gegenschuss” auf ARTE) angenommen und etliche Filme aus deren Programm auf DVD zugänglich gemacht. Dazu gehören nicht nur die Spielfilme des diesjährigen Festival-Jury-Leiters Werner Herzog, sondern insbesondere auch die Filme Rainer Werner Fassbinders. Von denen fehlen jetzt nur noch eine Hand voll, um das Werk vollständig zugänglich zu machen – insbesondere TV-Produktionen wie “Acht Stunden sind kein Tag”, “Nora Helmer” oder “Welt am Draht”.

Gut, letzterer ist schon in Sichtweite: Am 18. Februar kommt eine Doppel-DVD des Films von Kinowelt/Arthaus, auf der sich der seit 1973 nicht mehr ausgestrahlte Science-Fiction-TV-Zweiteiler zusammen mit zwei seiner frühen Kurzfilme und einem neuen Dokumentarfilm über die Produktion von “Welt am Draht” befindet. Die DVD im Rahmen der Berlinale auf den Markt zu bringen, erweist sich als Gewinn für alle – kann man dort doch im Rahmen der Retrospektive den Film auch noch einmal im Kino platzieren. Da in den frühen 70er Jahren Fernsehfilme noch oft auf 35-mm-Filmmaterial gedreht wurden, liegt also auch eine (restaurierte) Kinokopie vor. Die habe ich gestern im “Urania” gesehen – eine vollständige Fassung des fast vierstündigen Films.

Wie einflussreich “Welt am Draht” und seine Vorlage, Daniel F. Galouyes Roman “Simulacron-3″, für die Weiterentwicklung des Science-Fiction-Genres war, ist kaum zu ermessen: Filme wie “13th Floor”, insbesondere aber die “Matrix”-Trilogie wiederholen viele der Themen und Ideen, die Fassbinder schon in den frühen 70ern dargestellt hat. Dass diese Ideen aber auch nicht im luftleeren Raum entstanden sind, sondern sich ebenfalls vor allem auf einen technik- und sozialutopischen Diskurs beziehen, der zum zentralen Inventar des Science-Fiction-Genres gehört, wird insbesondere deutlich, wenn man “Welt am Draht” einmal mit der anderen großen Technik-Utopie der Berlinale-Retrospektive, Fritz Langs “Metropolis”, vergleicht.

Beide Filme verbindet sozusagen eine “80 Jahre lange Telefonleitung” miteinander, über die die Themen von sozialer Schichtung ontologisch kodiert werden: Was bei Lang die “Stadt der Söhne” von der Unterwelt in Metropolis trennt, sind ja nicht bloß ein paar Höhenmeter; es ist vor allem die von Lang genial inszenierte “vertikale Schichtung” (um es mal mit Bordieu zu sagen). Der räumliche wie der soziale Höhenunterschied wird zum Schluss durch einen “Mittler” aufgehoben und schon letztmaligen beim Schauen des Films ist mir diese Doppelbedeutung des “Mediums” nicht mehr aus dem Sinn gegangen, zumal es in “Metropolis” ja auch schon vorher und ganz unabhängig von Freder ein Medium gibt, das das Oben und Unten in Metropolis einander näher bringt.

Es ist das gute alte Telefon, über dessen Verwendung in der Filmgeschichte schon so vieles gesagt wurde und so vieles noch gesagt werden müsste. Irgendwann im Verlauf von “Metropolis” ruft nämlich Joh Fredersen von “oben” aus der “Stadt der Söhne” beim Vorarbeiter “unten” in der Maschinenwelt an, um sich über die Vorgänge dort zu erkundigen. Der Kontakt zwischen den beiden Männern besteht also sowieso und vielleicht kam mir auch deshalb diese moralinsaure Schlusssequenz, in der Freder zum “Mittler” zwischen “Kopf” (Joh Fredersen) und “Hand” (Vorarbeiter) gemacht wurde, so überflüssig und aufgepfropft vor. Die beiden telefonieren doch regelmäßig miteinander …

In “Welt am Draht” ist das Motiv wieder da: Nicht nur wird hier auch über Bild-Telefone miteinander gesprochen (wie alt und stabil dieser filmische Skype-Traum doch ist!); auch die soziale Schichtung zwischen Arbeissklaven (nun die menschlichen Digitalisate in der computergenerierten Simulation) und deren Herren “oben in der Realität” finden sich hier. Auch das Telefon als Mittler taucht wieder auf: Offenbar muss sich Stiller, wenn er die Simulacron-Welt wieder verlassen und in seine Welt zurückkehren will, dafür in eine Telefonzelle begeben. In einer Sequenz (lässt sich leider aufgrund des DRM nicht direkt hier einbinden) wird auf die Notwendigkeit, hierfür eine bestimmte Telefonzelle zu nutzen, regelrecht “insistiert”: Stiller befördert einen Telefonierenden auf recht unsanfte Weise aus der Kabine, es gibt einen von Ballhaus’ berühmten 360°-Schwenks und schon ist Stiller verschwunden – bzw. von “unten” wieder nach “oben” aufgetaucht, wie es im Film gesagt wird. Der Rest ist Filmgeschichte:

3 Kommentare zu “Die Zukünfte der Vergangenheit”

  1. thomas sagt:

    den roman konnte ich mir glücklicherweise ausleihen :-)

    was die kopie betrifft: womöglich wird beim mitschnitt-service ein zeitgenössisches logo eingestanzt? jedenfalls, nichts genaues weiß man nicht. (woher meine kopie genau stammt, weiß ich auch nicht – ist angesichts der kinowelt-dvd ja aber auch eh egal :-) )

  2. Stefan Höltgen sagt:

    Woher deine Kopie stammt, kann ich natürlich nicht genau sagen. Ich weiß aber, dass die Mediathek der TheFiFe in Köln eine vom ZDF-Archiv bestellte Kopie mit eben diesem Merkmal besitzt, die ich mir mal ausgeliehen habe. Ich habe gestern beim Warten auf die Vorführung noch mal mit ein paar Leuten gesprochen, die meinten, dass der Film nur einmal im TV gelaufen sei. Kann sein, weiß nicht genau … ofdb liefert auch nur das eine Datum.

    Den Roman zu kaufen, bin ich im Moment zu geizig. Ich hab letztens schon ordentlich Geld für die “Eva der Zukunft”-Ausgabe der Phantastischen Bibliothek hingelegt.

  3. thomas sagt:

    “seit 1973 nicht mehr ausgestrahlt” – ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich stimmt: die vhs-kopie, die ich von dem film bislang hatte, hat ein logo eingestanzt, das meines wissens erst seit den 80ern genutzt wurde. natürlich schmälert das nicht die sensation, dass der bislang kaum greifbare film endlich “erschlossen” ist.

    den zugrunde liegenden roman lese ich im übrigen gerade (wenn zwischen zwei vorführungen mal zeit ist ;) ) – ganz große klasse, zumal für 1963. (auch wenn die philip k. dick’schen simulationsparanoia-stoffe noch eine gute portion mehr wahnwitz beinhalten)

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