Film mit nachträglichem Gewissen

19 Feb 2010 von Stefan Höltgen

Der hinreißend bescheuerte Untertitel “Film ohne Gewissen” von Oskar Röhlers “Jud Süß”-Behind-the-Scenes-Nazisexploitation-Trash-Geschichtsklitterung lässt schon ahnen, auf was man sich einlässt, wenn man sich den Film ansieht.

Dass er ausgebuht wurde, war daher wohl vielen schon vor Beginn der Pressevorführung gestern im Berlinale-Palast klar; dass es ein Donnerwetter auf der Pressekonferenz im Anschluss geben würde, hatten dann wohl auch viele erhofft. Ich, ansonsten mit Autoren- und Pressekonferenz-Scheue ausgestattet, habe mich deshalb auch dort hinbegeben und wurde zum zweiten Mal an diesem Tag bitter enttäuscht: Nicht nur war Röhlers Film ja gar nicht in allen Belangen ganz schlecht (dazu werden Jörg und ich nachher noch etwas sagen), auch die Konferenz ist nicht zur Abrechnung genutzt worden.

Neben Ichfandihngut-Bekundungen eines Kollegen und Nachfragen mehrerer anderer, warum denn dieses oder jenes Detail erfunden oder verschwiegen wurde, war etwa eine Frage, woher Moritz Bleibtreu nur diesen tollen rheinischen Tonfall für seinen Brüllaffen-Goebbels hergeholt hat – und ähnliche – Belanglosig- und Artigkeiten. Warum hat es nicht genknallt? Ganz klar: Weil der Moderator Josef Schnelle eine extrem gute Leistung abgeliefert hat: Er hat die ganze Wut über den Film verrauchen lassen, indem er sich die ersten drei Fragen selbst reserviert hat und dann genau das wissen wollte, was wohl die meisten auch gefragt hätten – nur wohl in einem anderen Tonfall. Vor solch einer Leistung, die im wahrsten Sinne des Wortes “moderat” und “moderierend” war, kann man sich nur verbeugen, Herr Schnelle!

Mein Frust ist übrigens dann vollends verschwunden, als ich mir Abends im Zoo-Palast “The Book of Eli” von den Hughes-Brothers angesehen habe. Man sollte sowieso viel öfter Berlinale-Tage mit deftigem Genre-Kino auslaufen lassen. Das wäre doch mal eine Idee für eine allein für die Presse reservierte Reihe: “The Chillout Movie”. Bis dahin empfehle ich aber schon mal “The Book of Eli”:

3 Kommentare zu “Film mit nachträglichem Gewissen”

  1. Stefan Höltgen sagt:

    @Thomas: Meine Erinnerungsvermögen ist schon beinahe christlich! :-) ) Na, und irgendwas muss der Mann doch können. Kinderhüten auf jeden Fall! :-)

    @Jörg: Frau Alba liegt bestimmt beim Gesichtschirurgen auf dem Tisch. :-D

  2. Komme eben aus der PK von dem bösen KILLER INSIDE ME, über den ja jetzt (wegen Embargo) noch nicht geschrieben werden darf! Auch hier hat Herr Schnelle das Schlimmste verhindert.
    Winterbottom war aber auch viel souveräner als die beleidigten Leberwürste von der Goebbels-Clownerie. Winterbottoms Hauptdarsteller sind erst gar nicht nach Berlin gekommen.

  3. thomas sagt:

    “chill-out movies” gab’s mal vor einigen jahren so quasi: das forum hatte eine “sub-sektion” namens “midnight movies”, da liefen dann meist neue (oder auch mal: alte) hongkong-filme und ähnliches. schade, dass diese tradition kommentarlos “abgeschaltet” wurde.

    und verbeugen? vor schnelle? der sich mal in der berliner zeitung sehr eindeutig zu wort gemeldet hat? nee ;) http://www.simulationsraum.de/blog/2008/08/15/lieber-dilettant-und-abschreiber/

Kommentar schreiben