Skurriles aus Taiwan, Frankreich, Japan

20 Feb 2010 von Harald Mühlbeyer

Jetzt, am Ende, läuft die Berlinale doch noch zu Hochtouren auf; ein seltsames Gefühl: von Beginn an war ich in einen Zustand zwischen Abgestumpftheit und blanker Enttäuschung verfallen gewesen, jetzt am Ende wache ich auf. Normalerweise ist das andersrum, da wirkt dann die Erschöpfung zum Schluss auf den Filmgenuss, nun ist es so eine Art Erwachen. Denn in den letzten zwei Tagen wurde es skurril: “Au Revoir Taipei” aus Taiwan, “Mammuth” aus Frankreich und “Golden Slumbers” aus Japan sei dank.

Zu “Au Revoir Taipei” hat Kollegin Hallensleben schon was geschrieben – bemerkenswert an diesem Film ist die Souveränität des Regisseurs, denn dies ist immerhin erst sein Debüt. Er beherrscht nicht nur Dramaturgie, er weiß auch die Genres zu mischen – hier: romantische Komödie und Krimi; das komische Timing der Darsteller ist perfekt, und den Musikeinsatz leichter, swingender Schlagermelodien vergisst man nicht so schnell. Die tumben Polizisten, die doch tiefe Gefühle hegen! Die Möchtegern-Kleingangster in ihren knallorangenen Anzügen! Das Bunte, das Romantische; Paris, der Sehnsuchtsort!

Ein Überblenden von Versatzstücken auch in “Golden Slumbers” (“Goruden Suramba”) von Yoshihiro Nakamura, diesmal: Verschwörungsthriller und Komödie. Aoyagi ist Lieferjunge und wird in eine Falle gelockt: er dient als Sündenbock für ein Bombenattentat auf den japanischen Ministerpräsidenten, eine Verschwörung von offenbar höchsten Stellen, Polizei und Geheimdienst verfolgen ihn, und er muss durchkommen als unschuldig erfolgter man on the run. Weglaufen ist die einzige Möglichkeit, und: er muss gegen die manipulierten Medienbilder ankämpfen, die ihn immer mehr beschuldigen, immer tiefer reinreiten. Das ist nun mit vielen kleinen Gags und großem Witz erzählt, ein Serienkiller spielt eine Rolle, der mit seinem Messer schnell zur Hand ist, ein Ex-Gangster im Krankenhaus weiß einen Ausweg, den Untergrund – also die Kanalisation; und Aoyagi muss Vertrauen gewinnen, bei seinen alten Uni-Clique-Freunden. Immer wieder setzen Rückblenden ein, die eine weitere Ebene öffnen, eine Ebene der Resonanz, wo die Verschwörungs- und Verfolgungshandlung ein Echo findet. Und eine weitere Ebene gibt es: “Golden Slumbers”, den Beatles-Song vom “Abbey Road”-Album, in dem dieses Thema ebenfalls wiederhallt: wie sich hier die Beatles, eigentlich verstritten, nochmals wiedergefunden haben für ein letztes Meisterwerk…

So müssen auch hier sich alte Freunde wiederfinden, wieder zueinanderfinden; und sehr schön – weil in dem Film eines ins andere greift (und nur selten ein bisschen zu viel der Zufall eingreift) – wird diese unabgesprochene Zusammenarbeit verbildlicht; wenn zwei mit gemeinsamer Vergangenheit von verschiedenen Orten ein Feuerwerk betrachten, können sie auf denselben Gedanken kommen…

“Mammuth” stammt von den Regisseuren, die letztes Jahr das kleine Meisterwerk “Louise hired a contract killer” herausgebracht haben – dieser neue Film des Duos Benoit Delépine und Gustave Kervern ist nicht weniger bizarr, ja: grotesk; zwar mit weniger offensichtlich politischem Hintergrund – nichts mehr mit Amoklauf gegen die Globalisierung -, dafür mit mehr witzig-skurril-absurden Szenen, die teilweise ganz unverbunden nebeneinander stehen und doch ein großes Ganzes ergeben. Gérard Depardieu wandelt auf den Spuren des “Wrestlers”, mit extralangen Haaren, wie ihn die Kamera von hinten verfolgt; und auch der Einsatz seines massigen Körpers – allerdings Fett statt Anabolikamuskeln – ist ähnlich. Der Tonfall freilich ganz anders: für seine Rentenansprüche muss Depardieus Figur mit Spitznamen Mammuth in die Vergangenheit reisen, zu ehemaligen Arbeitgebern, um verlorene Gehaltsabrechnungen einzufordern. Die halten ihn zurecht für einen Idioten, er hat ja keinen Schulabschluss, nie was rechtes gelernt; dafür hat er einen Metalldetektor dabei, mit dem er am Strand rumsucht. Unterwegs ist er mit seinem Motorrad, Marke Mammuth von 1973, ein Fahrzeug, das mit bösen Erinnerungen aufgeladen ist: seine erste Liebe ist darauf bei einem Unfall umgekommen, Isabelle Adjani spukt in einem Spezialauftritt durch den Film. Vor allem aber begegnet Mammuth verschiedenen Menschen, die verschiedene Dinge tun – wie er und sein alter Cousin sich gegenseitig einen runterholen ist dabei nur das krasseste und offensichtlichste Beispiel des verschrobenen Humors in diesem Film. Seine Nichte, ziemlich debil, fabriziert Kunst, und auch Mammuth beginnt mit Kreativität, Schinken-Papier-Schinken-Papier-Schinken: das hat schon was. Er öffnet sich, in der Rentenzeit, für die Möglichkeiten seines Geistes, irgendwie…

Delépine und Kervern zeigen eine Welt, in der irgendwie jeder vom anderen abgeschlossen ist, jeder ist eine Insel – allerdings eine schwimmende, man kann schon mit anderen in Kontakt kommen; wie fest die Verbindungen dabei werden? Naja…

Bei der Pressevorführung haben die älteren Herren links und rechts von mir geschlafen – Herr Links ca. 75 % des Films, Herr Rechts ist bei Lachen im Publikum immerhin aufgewacht. Am Ende gab’s von beiden herzlichen Applaus – klar: denn das Festival fängt jetzt, zum Abschluss, erst so richtig an. Ich jedenfalls kann ja schlafen, wenn ich morgen im Zug sitze.

Harald Mühlbeyer

11,617 Kommentare zu “Skurriles aus Taiwan, Frankreich, Japan”

  1. Hello, I enjoy reading through your article. I like to write a
    little comment to support you.

  2. byjhBloob sagt:

    paper writer service https://papersonlinesfy.com/ – websites that write papers for you buy school papers order papers online can someone write my paper for me

  3. At this moment I am ready to do my breakfast, afterward having my breakfast
    coming again to read additional news.

  4. ikolOxish sagt:

    tadalafil best price http://aazmencial.com/ – tadalafil tadalafil 20 mg cialis daily tadalafil

  5. bkmuoptor sagt:

    online thesis help https://termpaperlow.com/ – help writing a thesis statement help writing thesis statement writing a good thesis phd by thesis only

  6. Alicehycle sagt:

    how does cbd oil make you feel cbd oil best value cbd oil effects on liver https://cannabisoil2018.com/

  7. kobe shoes sagt:

    I抦 impressed, I have to say. Actually not often do I encounter a blog that抯 both educative and entertaining, and let me let you know, you might have hit the nail on the head. Your idea is outstanding; the issue is something that not enough persons are speaking intelligently about. I am very comfortable that I stumbled across this in my search for one thing regarding this.

  8. ghjyBloob sagt:

    coursework marking https://courseworkhelpvra.com/ – custom coursework writing coursework project buy coursework online coursework writer

  9. Alicehycle sagt:

    can you legally purchase cbd hemp oil cbd oil side effecrs pure cbd vape oil https://cannabisoil2018.com/

  10. Donhycle sagt:

    viagra effect on blood pressure when should i take viagra for best results generic viagra cost walmart canada https://jud10.org/

  11. Donhycle sagt:

    female viagra pills at walgreens how many milligrams of viagra should i take other forms of viagra https://jud10.org/

  12. Donhycle sagt:

    generic viagra walmart viagra brand name viagra obsolete new safer treatment https://jud10.org/

  13. Hi! Quick question that’s totally off topic.
    Do you know how to make your site mobile friendly?
    My web site looks weird when browsing from my iphone 4. I’m
    trying to find a template or plugin that might be able to fix this issue.
    If you have any recommendations, please share. Appreciate it!

  14. site sagt:

    Thank you for another fantastic post. Where ele may anyone gett that type of information inn such an ideal means of writing?
    I’ve a presentation subsequent week, and I’m on tthe look for such information.
    site

  15. heloChams sagt:

    essay writers review https://essaywriterdodo.com/ – instant essay writer essay writers online easy essay writer best essay writers review

  16. Alicehycle sagt:

    best cbd oil for dementia cbd oil constipation cbd oil for dogs how long to see results https://cbdoilcompanies.com/

Kommentar schreiben