Fremdschämen mit Bushido

10 Feb 2010 von Jörg Buttgereit

Noch hat die Berlinale ja nicht angefangen. Aber wir Profifilmegucker gucken ja ständig. Gestern die altmodische Neuinterpretation von WOLFMAN, heute den neuen Zombie-Knaller von Romero und letzte Woche den Bushido-Film, der aus gutem Grund nicht auf der Berlinale zu sehen ist.

Produzent Bernd Eichinger sieht weiteres Blockbuster-Potenzial in der deutschen Geschichte. Nach den umstrittenen Produktionen über das Ableben von Adolf Hitler, Andreas Baader und Ulrike Meinhof hat er jetzt den Deutsch-Rapper Bushido als publikumswirksame Figur neuer deutscher Geschichte auserkoren. Nicht unbedingt die logische Konsequenz, möchte man meinen.
ZEITEN ÄNDERN DICH basiert auf der Biografie des ehemaligen Kreuzberger Schulhof-Drogendealers Bushido (mit bürgerlichem Namen Anis Mohamed Youssef Ferchichi) und dokumentiert pseudopädagogisch seinen Aufstieg zum gefeierten Hip Hop Star, der als erster “Kanacke” ein Konzert vor dem Brandenburger Tor spielen darf ( da wo Freitag die arschkalte METROPOLIS-Premiere sein wird).

Sämtliche Figuren in dem Film bleiben Witzfiguren, werden aber immerhin von namhaften deutschen Schauspielgrößen wie Hannelore Elnser (als Mutti) oder Moritz Bleibtreu (als Obermacker) gespielt. So hanebüchen die vermeintlich wahre Geschichte auch sein mag, den letzten Twist zur Realsatire bekommt das Werk durch die immer wieder auftauchende Erzählerstimme Bushidos, der sich in „seinem Film“ einfach selbst spielt. Wenn der einst so ungezogene Rapper in gekünsteltem Hochdeutsch seine oneliner abliest, wertet das den Film zu einer wahren Trash-Perle mit nicht zu unterschätzendem Unterhaltungswert auf. Schließlich lässt es sich über Bushido befreiter Lachen als über Adolf oder die RAF. Diese Unbeholfenheit vor der Kamera (vor der Regisseur Uli Edel seinen Hauptdarsteller eigentlich hätte bewahren müssen) macht den ehemaligen Bad Boy auch sympathisch und Talk-Show-Kompatibel. Erst gestern abend war er bei Maischberger auf der Couch und hat grimmig geguckt. Eigentlich schade, dass auf der Berlinale immer nur künstlerisch wertvolle Filme zu sehen sind. Oder?

(meine vollständige Würdigung von ZEITEN ÄNDERN DICH im nächsten Heft von epd FILM)

Jörg Buttgereit

Hier der tolle Trailer:

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1 Kommentar zu “Fremdschämen mit Bushido”

  1. Selbst als Trash-Fan kann man dem Werk leider keine Perfektion attestieren. Dazu ist er zu sauber und hochglanzmässig produziert worden (folglich wird stellenweise Langeweile erzeugt).

    Allerdings relativiert sich sowas ja auch über die Jahrzehnte und ZEITEN ÄNDERN SICH wird möglicherweise zum Kultfilm, der in einem Atemzug mit vergleichbaren Klassikern wie WASCHEN SCHNEIDEN LEGEN, MACHO MAN oder DANIEL-DER ZAUBERER genannt werden darf.

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