Der Industriepalast als Mensch

12 Feb 2010 von Stefan Höltgen

Weniger die neuen als die alten Filme sind es dieses Jahr, die mich am Berlinale-Programm interessieren. Und das liegt vor allem daran, dass einige von ihnen sehr gut auf ein Beschäftigungsfeld passen, das ich seit kurzem pflüge: Maschinen im Film.

Zu den ganz alten Filmen auf der diesjährigen Berlinale zählt sicherlich Fritz Langs “Metropolis” – einer der ersten Filme, die sich dem Maschinen-Menschen-Motiv widmen. (André Deeds “L’uomo meccanico” von 1915 wäre noch ein paar Jährchen älter als Langs und Harbous Version des Themas). Klar, das Motiv reicht zurück bis in die griechische Mythologie – angeblich hat ja der Schmiede-Halbgott Hephaistos bereits drei goldene mechanische Dienerinnen gehabt. Aber gut – zurück zu Fritz Langs “Metropolis” und der restaurierten Neufassung:


Bild von der Generalprobe im Friedrichstadt-Palast

Ich hatte das Glück als Pressevertreter der Generalprobe der Uraufführung dieser Fassung, die heute Abend im Friedrichstadt-Palast stattfindet (und auf ARTE und beim Brandenburger Tor Live übertragen wird), beizuwohnen. Zwar haben noch die Laudatoren (jemand von der Murnau-Stiftung und Kulturstaatsminister Naumann) gefehlt, aber es geht ja eigentlich auch um den Film bzw. das Surrounding. Das lieferte die Filmmusik von Gottfried Huppertz, die vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel beigesteuert wurde. Ein furioser Soundtrack voller ironischer Anspielungen (die von Mussorgsky bis zur Marseillaise reichen).

Der Film ist jetzt mit 147 Minuten gut eine halbe Stunde länger als die vorher bekannte Fassung. Und es sind teilweise zentrale Handlungssegmente, die entfernt wurden und nun durch das Auftauchen einer 16-mm-Kopie wieder eingefügt werden konnten. Das Bild der beiden Fassungen unterscheidet sich natürlich deutlich voneinander – nicht nur im Format (die eingefügten 16-mm-Ausschnitte haben einen schwarzen Rand), sondern auch in der Bildqualität: Die tadellos restaurierte Kinofassung enthält nun stark gestörte Teile der 16-mm-Fassung. Das ist allerdings ein Manko, das man angesichts der beinahe Vollständigkeit des Films nur allzu gern in Kauf nimmt.

Der Film ist dadurch nun ganz anders rhythmisiert, teilweise sind einzelne Figuren, die zuvor eher ambivalenten Charakter besaßen (hier vor allem der von Theodor Loos gespielte Jospahat), nun ganz anders akzentuiert und in ihrer Motivattion viel komplexer. Auffällig ist zudem, dass viele der damals entfernten Szenen ein weniger stummfilmhaftes “Overacting” besitzen und für den heutigen Zuschauer daher wohl auch viel gefälliger wirken. Sehr schön lässt der Qualitätsunterschied aber auch die angesprochene Rhythmisierung an der “Vorstellung Marias” in der Tanzbar ersehen. (Ich habe ein paar Einstellungen daraus mitgeschnitten, traue mich aber nicht, sie bei YouTube hochzuladen.)

Medium – Maschinen-Herz – Herz-Maschine

Ich hatte “Metropolis” nun schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen und war vor dem Hintergrund meiner Beschäftigung mit Robotern im Film regelrecht erstaunt über die Komplexität des Motivs in diesem Film der Prä-Robotik-Ära. Insbesondere das sich mir in den letzten Wochen aufdrängende Phänomen einer gezielten Dyspathie-Konstruktion zeigt sich schon an Langs Film: In jüngeren Werken, wie “Surrogates” werden anthropomorphe Roboter – wie so oft – von menschlichen Darstellern gespielt. Damit der Unterschied zwischen Maschine und Mensch für den Zuschauer aber sichtbar wird, muss das Schauspiel und/oder Aussehen des Darstellers so verändert werden, dass des auffällt, dass man es hier mit einer Maschine zu tun hat.

Bildbeispiel einer 16-mm-Szene

Richtige Roboter oder CGI-Konstruktionen “können” hier auf die so genannte “uncanny valley” zurück greifen: Die nur beinahe Lebensechtheit der Androiden wirkt auf den Zuschauer befremdlich bis abstoßend, so dass er jederzeit weiß, dass er es mit einer künstlichen Person zu tun hat. Dieser Effekt wird nun aber von Filmen wie “Metropolis” künstlich hergestellt: Brigitte Helm wird als Roboter-Maria zunächst einmal ganz anders geschminkt als ihr menschliches Vorbild. Dann bewegt sie sich und tanzt mit grotesk-vulgären Verrenkungen. Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied aber im Spiel der Augen: Eines fast immer halb geschlossen, beim anderen die Augenbraue auf unnatürliche Weise hochgezogen wirkt ihr Geschicht wie in einem lasziven Krampf erstarrt – ein Ausdruck jedenfalls, den man nicht ohne weiteres deuten und schon gar nicht eindeutig einer menschlichen Gemütsregung zuschreiben kann.

Maria wird kopiert

Mit der Überschrift dieses Beitrags will ich übrigens auf eine Ausstellung aufmerksam machen, die derzeit in etwa einem Kilometer Entfernung vom Friedrichstadt-Palast stattfindet, und die man sich als Berlinale-Besucher unbedingt anschauen sollte: Das medizinhistorische Museum der Charité zeigt unter dem Titel “Der Mensch als Industriepalast” Grafiken des Künstlers Fritz Kahn, die dieser etwa zur Zeit der Veröffentlichung von “Metropolis” angefertigt hat. Die thematsche Überschneidung beider Veranstaltungen ist schon erstaulich: Kahn zeigt Bilder der Anatomie und Physiologie des Menschen als handele es sich bei ihm um Maschinen – Lang zeigt Maschinen, die er anthropomorphisiert und zu Anthropophagen werden lässt. Beider Wurzeln liegen im Futurismus und der Neuen Sachlichkeit und stehen als Metaphern für die Rationalisierung der Lebenswelt (Fordismus/Taylorismus) im frühen 20. Jahrhundert.

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