Bilder von Kröten und Maurice Jarre

11 Feb 2009 von Stefan Höltgen

Ein abwechslungsreicher Berlinale-Tag. Zunächst habe ich mir in der Pressevorführung “Scarecrow Country” angesehen. Ein Blick in den Festival-Katalog suggeriert ein stringent erzähltes, vielleicht etwas deprimierendes Sozialdrama. Doch am Film selbst zeigt sich wieder einmal der Unterschied zwischen Story und Plot: “Scarcrow Country” atomisiert seine Erzählung in episodische Fragmente, in denen Geschichten und Figuren aufeinander zubewegt werden, schließlich auch zusammentreffen und sich doch nie berühren. Das alles wird in lang dauernden und zumeist weiten Einstellungen erzählt; in einer Landschaft, die kalt und brach ist und ebensolche Menschen hervorbringt. Eindeutig eher ein Film der visuellen Stimmung als des Plots.

Danach ging es zur Lernpause in den Berlinale-Palast-Bauch, wo mich gegen 16 Uhr ein Freund weglockte und in eine überraschend stark nachgefragte Kurzfilm-Präsentation des Forums mitnahm. Gezeigt wurden sieben recht unterschiedliche Experimentalfilme – bei den meisten schien mir jedoch das mehr Vorhandensein von Material und Möglichkeiten als die Präsenz einer guten Idee der Vater des filmischen Gedankens gewesen zu sein. Löbliche zwei Ausnahmen: der auf Super-8 gedrehte Film “Kröten”, der Experimentalfilmerin Milena Gierke. Hier ist es vor allem das Licht, das sich auf der Wasseroberfläche (unter der sich die Kröten befinden) bricht, das einen schon fast hypnotischen Rhythmus in die Bilder bringt. Die Künstlerin stand in einer Pause noch für ein Q&A zur Verfügung und outete sich als Statthalterin des seit 2005 leider nicht mehr produzierten Super-8-Films.

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(Milena Gierke)

Der andere Film, der mir aus der Reihe gut gefallen hat, war der etwas längere, streckenweise sehr humorige “Out in the Light” von Martin Ebner, Klaus Weber und Katja Eidel – in dem auch eine Kröte zu sehen ist (die ich ganz frech von der Leinwand abfotografiert habe):

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(Out in the Light)

Die Künstler experimentieren in ihrem Film mit verschiedenen Techniken aber auch mit filmischer Zeit und Raum. Das Besondere schien mir dabei die Szenenmontage, für die man sich jedes mal etwas besonderes, ein Geräusch, eine unorthodoxe Anschluss-Art etc. hat einfallen lassen. Die Persiflage der filmischen Techniken erstreckte sich sogar auf die Schlusstitel, in denen Buchstaben und Satzfragmente wild, aber scheinbar nach dem Rhythmus der Filmmusik, durcheinander tanzten.

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(Maurice Jarre)

Um 18 Uhr ging es dann zu einem für mich besonderen Berlinale-Highlight: der Podiumsdiskussion mit Maurice Jarre. Der Komponist, der wohl durch eine Krankheit, im wesentlichen aber sein fortgeschrittenes Alter geschwächt war, kam später als erwartet und wurde im Rollstuhl auf die Bühne gebracht. Er berichtete aus seinen Zusammenarbeiten mit Regisseuren, über seine wichtigsten Soundtracks und besondere Techniken – und kam immer wieder auf die Zusammenarbeit mit Volker Schlöndorff zu sprechen, der ebenfalls im Raum war – ihm sogar in der ersten Reihe gegenüber saß.

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(Maurice Jarre, Gerhard Midding)

Als Jarre die Kräfte dann schließlich verließen, bat er Schlöndorff auf das Podium, der die Gesprächsstaffel übernahm und einerseits weitere Hintergründe aus seiner Zusammenarbeit mit dem Komponisten für den “Blechtrommel”-Soundtrack berichtete, andererseits aber auch die Gegenperspektive zu Jarres Ausführungen darlegte – wie die Zusammenarbeit mit dem Soundtrack-Komponisten aus der Sicht des Regisseurs ist. Dass man gegenseitig nur lobende Worte füreinander übrig hatte, versteht sich von selbst. Schließlich konnte noch eine Frage – die nach seinem eigenen Lieblingssoundtrack (Lawrence of Arabia) – aus dem Publikum gestellt werden, bevor Jarre – sichtbar entkräftet – wieder zurück in sein (Kranken?)Bett durfte.

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(v.l.n.r.: Volker Schlöndorff, Maurice Jarre, Gerhard Midding)

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(v.l.n.r.: Volker Schlöndorff, Maurice Jarre, Gerhard Midding)

(P.S. Schön war übrigens der Respekt, dem man dem Komponisten entgegen brachte: Kurz nachdem er das Podium betreten hatte, wurde ein Fotografieverbot ausgesprochen. Ein Fotograf, den das nicht interessierte und der während der Diskussion immer wieder nach vorn ging, um sein Blitzlicht-Gewitter auf den Komponisten niederregnen zu lassen, wurde kurzerhand aus dem Saal verwiesen. Da half ihm auch kein Protestieren, dass das “Fotografieverbot” nirgends ausgeschrieben war.)

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