A Triple Bill

14 Feb 2010 von Gerhard Midding

„Es gibt Leute, die Nénette jeden Tag besuchen, wie Angehörige in einem Gefängnis“, berichtet eine Tierpflegerin in Nicolas Philiberts Dokumentarfilm über die Hauptattraktion des Affenkäfigs im Pariser Jardin des Plantes. „Attraktion“ ist zugleich das falscheste und das richtige Wort für den Status, den die vierzigjährige Orang-Utan-Dame innehält. Für die Besucher des Zoos ist sie ein putziges und melancholisches Objekt der Schaulust, in Philiberts Film wird sie jedoch zum Subjekt. Gebannt, zärtlich und bekümmert betrachtet er sie in der von den Menschen auferlegten Eintönigkeit ihres Daseins. Er mag den Kamerablick nicht teilen, er ist nur auf sie konzentriert; darauf vertrauend, dass ihre schweigsame Präsenz mindestens so beredt ist wie die Erzählungen der Besucher und Pfleger, die man nur einmal sieht, als sie sich in der Scheibe ihres Käfigs spiegeln. Ganz nebenbei, und in diesem Nebenbei liegt nicht zu einem geringen Teil die Größe dieses kleinen Films, hat Philibert wiederum das Porträt einer Institution gezeichnet, wie er es zuvor in „La Ville Louvre“, „Être et avoir“ und vor allem in „La Moindre des choses“ getan hat: In der verstörenden und urteilslosen Weise, in der er vom menschlichen Umgang mit einer anderen Spezies erzählt, könnte er zum „Das Blut der Tiere“ (Georges Franju) unserer Generation werden.

„Nénette“ ist, nach dem rumänischen Wettbewerbsbeitrag „Eu cand vreau sa fluier, fluier“ und „Shutter Island“ der dritte Gefängnisfilm, den ich am Freitag gesehen habe. (Die Frage nach der Schuld stellt sich in ihm freilich nicht im Bezug auf die Insassen.) Florian Serbans Film ist für mich bislang der beste, der im Wettbewerb zu sehen war. Er hat mich in große Bangnis versetzt, dass in den letzten zwei Wochen, die der 18jährige Silviu in der Haftanstalt abbüßen muss, etwas schief läuft, das seine Entlassung verhindert. Die Bedrohung entsteht hierbei, für das Genre ungewöhnlich, nicht aus dem Leben hinter Gittern, sondern aus dem draußen.  George Pistereanu ist sehr gut in der Hauptrolle, sein Wechselspiel aus Verschlossenheit und Ausbruch erlaubt große Empathie. Und die Lippen von der Sozialarbeiterin Anna (Ada Condeescu) sind wirklich so schön, wie Silviu sagt. Über Scorseses Film muss man nicht viele Worte verlieren.

In den ersten beiden ist dem Wettbewerb gelungen, was sich David Thomson für seine Retro gewünscht hätte und was die Programmstruktur des Festivals verhindert hat: thematische Zusammenhänge in Double bills herzustellen. Während Thomson sich die Paarungen unverhofft, provozierend gewünscht hätte, stellen sich in der Hauptsektion die Verwandtschaften auf eher prosaische Weise her. „Howl“ und „The Ghost Writer“ handeln von der Arbeit an zwei skandalträchtigen Manuskripten, die Suche nach der inneren Wahrheit im ersten, deren Vertuschung im zweiten Falle. Beiden Filmen gebricht es um Mut zur Fiktion. „Howl“ ist die Spielfilmetüde von zwei Dokumentarfilmern, die sich aus ihrem alten Handwerk nicht lösen können, Polanskis Schlüsselfilm über Tony Blair (und seine aktuelle, eigene Lebenssituation) findet zu Originalität vor allem in seinem Blick auf die Schauplätze. Warten wir ab, ob die Zusammenschau von Filmen, die miteinander konkurrieren müssen, weitere Verknüpfungen und Verzweigungen hervorbringen wird

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